Die Rückkehr der Magie und die Auferstehung von Fabeln

Es war ein spektakuläres Ereignis am Nachthimmel des 28.07.2061, als der Halleysche Komet nach etwas mehr als 75 Jahren wieder die Erde passierte, wie er es schon einige Male zuvor tat. Es war ein kaum wahrnehmbares Beben im Boden, als die Gravitationskräfte der Erde und die Bewegungskräfte des Kometen miteinander konkurrierten. Es war ein wunderschöner Anblick, als Teile des Kometen im Wechselspiel dieser Kräfte zerbarsten und Kurs auf die Erde nahmen. Kurze Zeit später, als die Trümmer des Kometen auf die Erdatmosphäre trafen und verglühten, war auch das ein viel beachtetes Schauspiel, das Millionen von Beobachtern erstaunen ließ.

Aber etwas blieb unbemerkt in dieser Zeit. Etwas hatte sich verändert und drang vom Innersten der Erde an die Oberfläche. Längst versiegte Kräfte erstarkten, brachen hervor und umgeben die Erde seitdem wie ein zweites Magnetfeld, bei dem die Pole aber aus dem höchsten Gipfel des bulgarischen Rila-Gebirges und, auf der anderen Seite der Erde, aus dem Südpazifik entspringen. Dieses unsichtbare Feld weckte in manchen Lebewesen verborgene Kräfte, andere ließ es völlig kalt. Empfindsame Menschen bekamen Visionen oder Alpträume, gar mancher verfiel dem Wahnsinn. Wissenschaftler auf der ganzen Welt untersuchten diese neue Strahlung und die Lebewesen, die sie beeinflusste. Schon früh stellte sich heraus, dass es manchem plötzlich möglich war, Gedanken und Gefühle anderer fast bildhaft zu spüren oder mithilfe ihrer eigenen Gedanken Materie zu manipulieren. Zaubertricks wurden plötzlich wirklich möglich. Einhergehend mit dieser Entwicklung mehrten sich die Meldungen über Vorfälle die als Paranormal eingestuft wurden. Geistererscheinungen nahmen überall auf der Welt zu und vielerorts wurde berichtet, dass man nicht nur Geister, sondern auch Wesen aus Sagen und Märchen beobachten konnte. Ein neues Zeitalter der Magie war angebrochen. Ob es mit dem Kometen zusammenhing oder nicht, wird noch ergründet.

Die Magie spaltete die Menschheit. Uralte Ängste verschafften sich Raum, Weltuntergangpropheten und religiöse Fanatiker schürten diese Ängste und bezeichneten die Magie zumeist als Teufelswerk. Anhänger alter Religionen und Kulte hingegen deuteten das Wiedererscheinen der Magie als Aufbruchssignal, um an die Öffentlichkeit zu treten. Wissenschaftler begannen das Magiefeld um die Erde zu untersuchen und stellten im Grunde fest, dass es sich tatsächlich um eine Art Energiefeld handelt, das sich ähnlich dem Magnetfeld verhält, nur eben mit anderen Polen. Schon 2065 erschien in den unzähligen wissenschaftlichen Abhandlungen immer wieder die Bezeichnungen Musala-Pol oder M-Pol (benannt nach dem Berg aus dessen Gipfel er entspringt) und Neuseeland-Pol oder N-Pol, da Neuseeland das nächste Fleckchen Land ist. Es ist nur rund 1500 km vom Zentrum des N-Pols entfernt. Für alle Theoretiker und Wissenschaftler scheint der N-Pol interessanter zu sein als der M-Pol. Der M-Pol liegt auf einem hohen Berg, mit einem alten Kloster. Er wird schon seit fast 200 Jahren von Touristen besucht. Eher ein normaler Ort. Der N-Pol hingegen liegt einfach nur im Wasser. Da kann man noch gut spekulieren, tiefster Punkt der Erde? Atlantis? Mahlstrom? Alles heiß diskutiert.

Nur wenige Monate nachdem sich das Magiefeld um die Erde aufgespannt hatte, folgte der nächste Paukenschlag. Während Routineuntersuchungen von schwangeren Frauen bemerkten Ärzte immer häufiger Mutationen am untersuchten Gewebe von Föten. Genauere Untersuchungen zeigten Veränderungen in den Zellkernen und später auch an den Genen. Ultraschall und andere modernere Untersuchungen zeigten unübliche Körperformen. Vielen der Frauen wurde zum Abbruch der Schwangerschaft geraten, da krankhafte Veränderungen befürchtet wurden. Die Frauen, die ihrer Schwangerschaft kein vorzeitiges Ende setzten, gebaren Kinder, deren Äußeres sich auf vielfältige Weise von denen anderer Babys unterschied. Die meisten wiesen eine veränderte Kopf- und Kieferform auf, häufig einhergehend mit ungewöhnlich proportionierten Armen und Beinen. Allen gemeinsam war, dass die Form der Ohren sich nach oben zu einer Spitze verjüngte. In den Kulturen, wo „Missgeburten“ nicht als Schande gelten, wurde ihnen natürlich eine erhöhte Aufmerksamkeit der Ärzte und Wissenschaftler zuteil. Viele der Kinder wuchsen in den ersten Jahren isoliert auf, oft getrennt von ihren Familien. Sie waren häufig der Gegenstand von wissenschaftlichen Untersuchungen und Reportagen, oft das Ziel von Anfeindungen und dem Hass, der allem Fremden gegenüber entgegengebracht wird usw. Aber sie wuchsen und entwickelten sich genau wie andere Kinder. Allerdings wiesen sie einige körperliche Unterschiede auf.  Viele von ihnen waren schlank und hochgewachsen, ein ähnlich großer Teil eher untersetzt und kompakt im Körperbau. Denen mit anders geformtem Kiefer wuchsen nach den Milchzähnen hauerartige Eckzähne im Unterkiefer. Bei dieser Gruppe gab es auch ganz deutliche Unterschiede im Körperbau. Die Kinder mit den Hauern machen in der Pubertät gewaltige Wachstumsschübe, die unglaublich schmerzhaft waren. Die meisten von ihnen wuchsen zu wahren Hünen heran und einige sogar zu Riesen, die ihre Mitmenschen schon im Alter von 12 Jahren weit überragten.

Menschen und Medien hatten natürlich schnell passende Bezeichnungen für diese Kinder parat, denn Vorlagen bieten Literatur, Film und Fernsehen zur Genüge. Die kleinen gedrungenen wurden schnell als Zwerge, die großen schlanken als Elfen bezeichnet. Die mit den Hauern erhielten die, medienwirksame Bezeichnung, Orks und die sehr großen wurden zu Trollen. Das sind natürlich nur die statthaften Bezeichnungen, es gibt zahlreiche abwertende Bezeichnungen für diese Kinder. Eine weitverbreitete Verallgemeinerung ist auch die Bezeichnung „Spitzohr“ für o.g. Kinder und „Rundohr“ für Kinder mit herkömmlichem Wachstum.

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